Verkabelt liegt sie da. Immerhin lebt sie noch; das regelmäßige Piepsen des Gerätes beruhigt sie etwas.
Die junge Sanitäterin sitzt neben ihr, streichelt ihr beruhigend die Hand und hält ihr fürsorglich die Pappkotzschale hin.
Sie krümmt sich vor Schmerzen, jeder Holperer in der Asphaltdecke überträgt sich 1x1 auf ihren Bauch.
Seit Tagen Dauerschmerzen, als ob ihr jemand ein Korsett zuzieht und ihr gleichzeitig einen Dolch in die Eingeweide rammt.
Seit zwei Nächten spuckt sie Galle, die Verzweiflung, dass keine einzige Lageveränderung Linderung bringt, treibt sie beinahe in den Wahnsinn.
Es soll aufhören. Es soll nur einfach aufhören. Wenn es nicht aufhört, will sie sterben.
Sie schaut nach oben. Durch das Glasfenster im Krankenwagendach sieht sie den strahlend blauen Himmel.
Vor genau einer Woche ist sie genau diese Strecke auch gefahren.
Danach war sie geschieden und konnte diesen seltsamen Gefühlscocktail von frei und gescheitert nicht definieren. Sie war sich nur sicher, dass nach den heftigen Kämpfen und Schlachten der letzten Zeit endlich Ruhe einkehren muss. Das MUSSTE einfach so sein!
Mittlerweile ist sie in der Notaufnahme angekommen. Die Neonröhren über sich nimmt sie im Sekundentakt wahr. Sie spürt die Hektik und fühlt sich allein, hilflos und ausgeliefert. Sie muss die Zügel abgeben und geschehen lassen.
Von Schmerzmitteln sediert bekommt sie alles nur noch schemenhaft mit: EKG, Reflexprüfung, Blutabnahme, Sonographie ... eine Assistenzärztin, ein Facharzt und zuletzt der hinzugezogene Oberarzt. Sie alle stehen ratlos um das Ultraschallgerät herum. Fachbegriffe wie nicht echolot und völlig diagnoseuntypisch verunsichern sie und sie fängt an zu weinen.
Der Oberarzt tröstet sie mit einem "Keine Sorge! Routine-OP. Das macht bei uns sogar der Pförtner."
Langsam beruhigt sie sich wieder etwas. Sie fühlt sich durch die Mittel, die durch ihre Venen schießen wirklichkeitsfremd....Alice in Wonderland.... "Ich wurde geschrumpft,
gestreckt, gekratzt und in eine Teekanne gesteckt".
Die ganzen Operationsgefahrenbelehrungen fallen aus. Keine Zeit mehr.
Noch im OP setzt sie ihre Unterschrift darunter. Ist es ihr Todesurteil?
Es wird dunkel und Alice ist in Wonderland. Allerdings traumlos.
Als sie aufwacht, hört sie sich fragen, ob sie noch am Leben ist. Sie ahnte sowas schon.
Eine nette Frauenstimme bestätigt ihr ihren Verdacht und sie ist etwas beruhigt.
"Sie haben ganz schön Glück gehabt! Die Gallenblase war kurz vor Platzen und das hätte ne schöne Sauerei gegeben." sagt der junge Arzt und wedelt mit einer Klarsichttüte, die er wie seine Trophäe sieht vor ihrer Nase herum.
"Das Ding können sie durchlöchern und um ihren Hals tragen."
Vorsichtig tastet sie nach ihrem Bauch und spürt
vier Wundauflagen unter ihren Fingerspitzen.
Sie hebt den Kopf und lugt unter das OP-Hemd: Durchlöchert schiesst es ihr durch den Kopf. Highnoon vor einer Woche mit zeitversetzter Bauchdurchlöcherung.
Nach dem Glücksgefühl und der Erleichterung es überstanden zu haben, kommt nun der Katzenjammer.
Der Rest Narkosecocktail tut noch sein Übriges und sie fühlt sich allein, verletzt und durchlöchert.
Der Bauch, auf den sie sich in letzter Zeit immer verlassen konnte, ihr Kompass, wo die Reise hingeht - sie fühlt sich von ihm verlassen.
Er ging in Streik und braucht Pause.
Schon zum zweiten Mal in ihrem Leben musste sie die Erfahrung machen, dass sie zusammenklappte, wenn sie sich am stärksten fühlte ... und das zieht ihr erst mal den sicheren Boden unter den Füßen weg.
"Ich muss ihnen da noch einige Standardfragen stellen", sagt die junge Lernschwester.
"Tun sie, was sie nicht lassen können", seufzt sie kaputt und müde.
"Ihr Familienstand?"
"Geschieden..."
Und zum ersten Mal fühlt sie sich wirklich wirklich geschieden. Nicht befreit, sondern traurig.
Nicht wegen ihm, sondern weil ihr nach den Gefühlstaumeln der letzten Woche bewusst wird, dass sie nun endgültig auf eigenen Beinen stehen wird.
Mit durchlöchertem, schmerzenden Bauch.
Angreifbar, schwach und bedürftig.
Die Heldin trotzt dagegen an.
Hilft nix....
dir ist so oft die galle hochgekommen in den letzten monaten. sei froh, das das nun vorbei ist. wieder ein schritt weiter auf dem weg zu einem selbstbestimmten, unabhängigen leben.
AntwortenLöschenund dein bauch hat die notbremse gezogen, damit du wieder zu dir zurück findest, dich wiederfindest. drück dich.
Ja, ich habe Gift und Galle gespuckt und ging mir dabei selbst auf den Zünder, weil ich das alles so nah an mich heranließ.
LöschenVielleicht werde ich jetzt ne ganz Sanfte ;-)
Und wenn man, wie ich jetzt, inklusive drangehängtem Urlaub fast einen Monat krankgeschrieben ist, kommt man viel zum Nachdenken...
Danke, Matilda))
U'll rock it, Baby!
AntwortenLöschenNix Rock`n Roll....
Löschenim Moment eher Stehblues....
Thats rock'n'roll!
LöschenGlaub mir: dein Bauch ist und bleibt dein Sensor, dein Kompass. Der musste das letzte Stück einfach nur alleine erledigen. Alle Altlasten beseitigt - auf in eine neue Ära ohne Gift und Galle. Und vielleicht erweisen sich die Einschusslöcher sogar als neue Gefühlsperiskope. Schnelle gute Besserung!!!
AntwortenLöschenWow! Wie episch, Michaela!!!!
LöschenAch wat. Arsch hu - Zäng ussenander :-)
AntwortenLöschenIch würd da nicht rumjammern, sondern es positiv sehen. Alles , was dich belastet hat, liegt jetzt hinter dir. Oder wie man bei uns in der Gegend sagte: raus damit, eh es eitert.
Damit ist zwar eher die Meinungskundgebung gemeint, aber bei der Galle passt das schon.
Also, kein Drama draus machen, abhaken, Krone richten und wieder weiter stöckeln
*drückdich*
That`s kingsizefairy-like! ;-)
LöschenKlar stöckel ich weiter, fühl mich aber dennoch gerade schwach und durchlöchert...
alle eine Sache des Geistes und der Sichtweise. Das Gefühl der Schwäche umwandeln in "ich-lasse-mich-jetzt-verwöhnen-weil-ich-es-wert-bin". Und was das Gelöchere angeht, es sind Natur-Tatoos. Einzigartig, hat nicht jeder. Wenn's verheilt ist, kannst ja blümchen rumtätowieren lassen :-)
LöschenDas war der Abschluss. Die Galle ist nun raus. In Zukunft brauchst du kein Gift und keine Galle mehr.
AntwortenLöschenAlles wird gut.:-*
Danke!
LöschenNotfalls hab ich ja noch den Magensaft ... zum zielgerechten Spucken ;-)
Halt die Ohren steif! Alles wird gut. Sagte Lady Crooks auch schon? Doppelt hält besser.
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